Fortaleza - Womöglich wäre Juan Zúñiga gut beraten, sich bei Martin
Taylor oder Kevin-Prince Boateng ein paar Tipps zu holen. Wie man damit
umgeht, plötzlich Hassfigur einer Fußballnation zu sein.
Kurzer Rückblick: Taylor brach mit einem Foul dem Kroaten Eduardo im
Februar 2008 das Schien- und Wadenbein; Eduardo verpasste deswegen die
Europameisterschaft, in einer Umfrage forderten 41 Prozent der Befragten
eine lebenslange Sperre für Taylor. Boateng trat im englischen
Pokalfinale Michael Ballack um, der deswegen nicht zur WM nach Südafrika
fahren konnte und nie wieder ein Länderspiel bestritt.
Seinerzeit war Boateng in Deutschland ähnlich beliebt wie Zúñiga nun
in Brasilien. Beim WM-Viertelfinale zwischen den Gastgebern und
Kolumbien war er an einem
Drama beteiligt, in dem mehrere Rollen zu besetzen waren: Retter, tragischer Held und Bösewicht.
Als Retter Brasiliens kamen gleich mehrere Spieler in Frage: Thiago
Silva etwa, der den Führungstreffer erzielte. Oder David Luiz, Silvas
Partner in der Innenverteidigung, der auf 2:0 erhöhte. Auch an
tragischen Helden gab es ein Überangebot. Kolumbiens James Rodríguez zum
Beispiel, einer der besten Spieler des Turniers, der nach der
Niederlage weinte. Oder aber Neymar, Brasiliens Superstar, der die
Mannschaft mit seinen Toren ins Viertelfinale gebracht hatte - und dort
aus dem Turnier gefoult wurde.
Womit wir auch schon beim Schurken wären. Für diese Rolle kommt nach
Ansicht vieler Brasilianer nur einer in Frage: Zúñiga, der
kolumbianische Verteidiger, der in der 87. Minute Neymars Rücken mit dem
Knie malträtierte, was für den 22-Jährigen einen
Lendenwirbelbruch und das WM-Aus bedeutete.
Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. "Ganz egal, welches
Team du unterstützt - du hasst diesen Typen, weil er Neymars
Weltmeisterschaft beendet hat", stand unter einem Bild Zúñigas, das sich
über Twitter verbreitete.
Unzählige Nutzer - zum großen Teil aus Brasilien - machten ihrer Wut auf
den Kolumbianer unter den Hashtags #Zuniga und #ZunigaAsesino ("Mörder
Zuniga") sowie auf Zúñigas Facebook-Seite mit teils heftigen
Verwünschungen oder gar Morddrohungen Luft.
Manche sprachen von einem "Attentat auf Neymar". Viele fanden es
unverständlich, dass der Kolumbianer nicht einmal die gelbe Karte
gesehen hatte - dieses Urteil teilt übrigens Ex-Schiedsrichter Urs
Meier.
Zúñiga selbst hatte sich nach dem Spiel für das Einsteigen gegen Neymar
gerechtfertigt. "Als ich da reingegangen bin, habe ich an nichts Böses
gedacht. Ich hoffe, dass er sich mit Gottes Hilfe wieder erholt", sagte
er. "Es war ein normaler Kampf um den Ball, ich wollte ihm nichts tun."
Damit wiederum konnte er bei weitem nicht alle Beobachter überzeugen.
Fabio Cannavaro, Italiens Weltmeisterkapitän von 2006, sagte: "Ich
glaube, man konnte die Situation nicht antizipieren." Er glaube sogar,
"dass es Absicht war und er ihn verletzen wollte". Und auch das Urteil
von Brasiliens Fußball-Legende Ronaldo war eindeutig. Seiner Ansicht
nach sei Zúñigas Aktion nicht normal gewesen. Man habe auf den
TV-Bildern gesehen, dass der Kolumbianer Schaden habe anrichten wollen.
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